Es sollte nicht mehr „Kanzler Merz“ lauten, sondern „Bruder Merz“. Weder aufgrund irgendeines Verwandtschaftsverhältnisses noch als Zuschreibung einer freundschaftlichen Verbundenheit; Philipp Amthor dürfte dieser Tage der Einzige sein, der Letztere noch zum Kanzler verspürt. Anlass bietet vielmehr das Verhalten des Kanzlers und die Ähnlichkeit mit einer Denkschule, die der Orden der Jesuiten bereits im 17. Jahrhundert etabliert hat.
Zwar sind die Mitglieder der Jesuiten keine Mönche, sondern Priester. Aber als „Pater“ wollte ich Merz auch im Scherz nicht bezeichnen, und dieser Einstieg bot sich einfach an. Zurück zu den Jesuiten. Die „Gesellschaft Jesu“ – wie der Orden offiziell heißt – gründete sich Anfang des 16. Jahrhunderts aus dem Freundeskreis des heiligen Ignatius von Loyola. Besonders war dem Orden nicht nur der Umstand, dass er ausschließlich aus Klerikern bestand, sondern auch der besondere Gehorsam zum Papst, zu dem sich jeder Jesuit verpflichtet.
Im 17. Jahrhundert entwickelte sich unter Jesuiten die Denkschule des „Probabilismus“, der die Grundlage für die Morallehre des Ordens bildete. Probabilismus geht etymologisch auf die „Wahrscheinlichkeit“ zurück und beschäftigt sich mit der Frage von richtigen und falschen Meinungen und Normen. Danach ist eine Meinung richtig, wenn sie ausreichend „wahrscheinlich“ ist. „Wahrscheinlich“ wiederum ist eine Meinung, wenn sie gut argumentiert werden kann oder von jemand Angesehenem stammt, selbst wenn es eine besser argumentierte – „wahrscheinlichere“ – Meinung gibt, die ihr entgegensteht. Nach dem Probabilismus sind beide Meinungen wahrscheinlich und somit richtig.
Aber was bedeutet das nun, wenn widersprüchliche oder gar gegensätzliche Meinungen gleichzeitig als richtig gelten? Schnell wird klar, dass im Probabilismus wenn nicht gar ein Angriff, dann doch zumindest eine Abschwächung des Dogmas liegt. Denn ein Dogma kann neben sich kein anderes „Richtig“ dulden. Ist das Dogma ein übergeordnetes Prinzip, ermöglicht der jesuitische Probabilismus eine ausgereifte Einzelfallkasuistik. Deutlich machte dieses System der Philosoph Blaise Pascal bereits 1657 in seinen Provinzialbriefen. Dort führt Pascal einen Dialog mit einem fiktiven Jesuiten; stellvertretend für die Morallehre.
Der Jesuit führt an, dass Pönitenten im Beichtstuhl durch den Beichtvater loszusprechen seien, wenn sie „sich wahrscheinlicher Meinungen bedienen“, selbst wenn „seine eigene gegenteilig ist“. Doch wie könnte das konkret aussehen? So sei Ehebruch zwar verboten, aber er sei den Sündigern nicht zur Last zu legen, „wenn sie es nicht vermeiden können, ohne Anlass zum Murren zu geben oder ohne einige Unannehmlichkeiten zu erleiden“.
Folgt man diesem Gedanken weiter, gibt es am Ende keine Sünde mehr. Sie bleibt zwar als äußeres Gerüst stehen und gilt formal weiter. Innendrin wird sie jedoch durch Wahrscheinlichkeiten und Rechtfertigungen im Einzelfall ausgehöhlt. Denn ist die Einhaltung der Gebote nicht häufig mit einigen Unannehmlichkeiten verbunden? Schnell ist eine Begründung gefunden, warum die Handlung gerade im konkreten Moment notwendig – oder eben wahrscheinlich – war:
„Pater, ich weiß, man sollte nicht lügen, und ich habe vor der Wahl versprochen, dass wir die Schuldenbremse einhalten werden. Aber da war diese böse AfD, und irgendwie musste ich die SPD doch von einer Koalition überzeugen. Da brauchte es einfach das außerordentliche Schuldenpaket.“
So oder so ähnlich kann man sich Merz im Beichtstuhl vorstellen – sofern er ihn überhaupt besucht. Und damit sind wir wieder beim Kanzler angekommen. Von den durchtrennten Kabeln der Schuldenbremse über die Entwertung der Rentenversicherung bis hin zu den ständig versprochenen „Reformen“, die diesen Namen nicht verdienen und bei denen man fast schon froh sein kann, wenn sie dann tatsächlich nicht kommen. Alles hatte der Kanzler seinem Volk zuvor anders zugesichert, aber nachträglich stets eine (wahrscheinliche) Begründung parat, warum es im konkreten Fall dennoch sein musste.
Mit seinem Handeln dekonstruiert Merz dabei nicht nur seine eigene Glaubwürdigkeit, sondern die seines Amtes gleich mit. Die Kirche war sich im 17. Jahrhundert dieser Gefahr des Probabilismus bewusst und verurteilte durch das Heilige Offizium zahlreiche Aussagen, die dieser Lehre entstammten; so zum Beispiel DH 2163:
„Es ist erlaubt, die nahe Gelegenheit zum Sündigen direkt für ein geistliches oder zeitliches Gut, eigenes oder des Nächsten, zu suchen.“
Hat die geistliche Autorität solchen destruktiven Propositionen damals noch richtigerweise eine Absage erteilt, werden sie heute von der weltlichen Autorität in Form des Kanzlers vorgelebt. Und so wird Merz zu seinem größten Problem. Er scheint von den Deutschen die blinde Treue zu fordern, wie sie die Jesuiten dem Papst gegenüber leben. So schreibt der heilige Ignatius von Loyola in seinem Exerzitienbuch:
„Wir müssen, um in allem das Rechte zu treffen, immer festhalten: ich glaube, dass das Weiße, das ich sehe, schwarz ist, wenn die Hierarchische Kirche es so definiert.“
Jedoch ist Merz nicht der Papst, sondern Bundeskanzler. Seine Autorität stützt sich nicht auf Gott, sondern auf den Souverän – das Volk. Ebenjenes Volk, welches seines Kanzlers unter anderem aufgrund der zahlreichen gebrochenen Versprechen überdrüssig ist. Bereits Heinrich Heine wusste:
„Aus der Lüge kann kein Leben erblühen …“
… mag sie auch noch so „wahrscheinlich“ sein oder noch so schön gerechtfertigt werden.
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