Wie Linke auf die Epstein-Files reagieren

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Wer erinnert sich noch an Pizzagate? Für mich war es die erste Verschwörungstheorie mit einem möglichen Pädophilenring in den politischen Eliten der Vereinigten Staaten zum Inhalt, an die ich mich aktiv erinnern kann. Falls sich jemand dessen nicht mehr gewahr ist – schließlich ist das schon fast zehn Jahre her –, möchte ich kurz die deutsche Wikipedia zitieren:

„Unter dem Schlagwort Pizzagate wurden im Jahr 2016 Fake News auf 4chan und Reddit zum amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gestreut, wonach in einer Pizzeria in Washington, D.C. ein Kinderpornoring agiere, in den auch die Kandidatin Hillary Clinton verwickelt sei. Es handelt sich dabei um eine Verschwörungstheorie und Verleumdungsaktion.“

Siehe da, das Framing ist gesetzt: „Verleumdungsaktion“, „Fake News“. Alles wurde darangesetzt, von Medienhäusern, Politikern und eben auch vielen linken Akteuren und Kommentatoren, diesen Fall als möglichst lächerlich, verrückt und unwahrscheinlich erscheinen zu lassen, das Ganze in eine rechtsextreme Ecke zu schieben und damit die Vertreter der Pizzagate-Theorie vollkommen zu delegitimieren. Die Theorie also, dass hohe Tiere des Washingtoner Politbetriebes, insbesondere aus dem Umfeld der damaligen Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, Wörter wie „Pizza“ als Codewort – ähnlich wie bei tatsächlichen Pädophilennetzwerken – für ihre Opfer nutzten, war somit als absurd dargestellt. Das genaue Ausmaß der Pizzagate-Theorie darzustellen, sprengt den Rahmen, aber Kollege Finkelstein hat das in seinem Podcast schon einmal gut zusammengefasst.

Ein paar Jahre später kam die Geschichte um Epstein, seine Insel und die Machenschaften dort auf. Schon in den 90er-Jahren gab es Missbrauchsvorwürfe gegen Epstein (da ist zum Beispiel der Fall der Maria Farmer und ihrer Schwester zu nennen), doch seine Anklage und sein anschließender „Selbstmord“ im Jahre 2019 erregten einen internationalen Skandal, den es bis dahin in dieser Hinsicht noch nicht gegeben hatte. Auch hier standen Vertreter der angloamerikanischen Polit- wie Medienelite im Fokus, und zwar solche, die in der Mainstream-Presse eher als die „Guten“ gelten: die Clintons, Bill Gates, Noam Chomsky, Michael Bloomberg, Woody Allen.

Eher nebenbei wurden aber auch Leute erwähnt, die an der aktuellen US-Regierung beteiligt sind, darunter Donald Trump selbst. Wieder einmal wurden diejenigen, die sich am meisten mit dem Fall Epstein beschäftigten, als Verschwörungstheoretiker gebrandmarkt. Mit der Präsidentschaft von Demokrat Joe Biden wurden die Akten über Jeffrey Epstein komplett unter Verschluss gehalten, und erst mit der Wiederwahl Trumps erklärte man sich bereit, sie zögerlich – zu zögerlich – freizugeben. Und dies geschah dann auch in den letzten Tagen: Vor allem wurden E-Mails von und an Epstein veröffentlicht; zwar ohne endgültige Beweise, aber dennoch mit viel kompromittierendem Material. Was da alles genau zu Tage befördert wurde, erklärt Kollege Finkelstein. Die ganzen rechten Verschwörungstheoretiker scheinen also recht zu behalten, oder?

Was aber sagen die Linken zu dem Skandal? Vielleicht ein Eingeständnis, dass der politische Gegner richtig lag? Nicht ganz. Jetzt, da das Ausmaß der Epstein-Verschwörung nicht mehr weggeleugnet werden kann, muss man darauf reagieren. Und zwar mit Gaslighting, also dem absichtlichen Verdrehen von Tatsachen und dem bewussten Verlegen des Fokus auf eher Nebensächlichkeiten, zum Zwecke der Manipulation.

Aufhänger des Ganzen ist die Rolle von Donald Trump und einigen Leuten aus seinem (ehemaligen) Umfeld, darunter Steve Bannon und Elon Musk (auch wenn Letzterer wohl nie auf Epsteins Insel war), die in den Akten über Epstein auftauchen: Siehe da, die Rechten himmeln lauter Pädos an. Ein Beispiel hierfür: Konstantin von Notz, Bundestagsabgeordneter der Grünen, beklagte sich auf Twitter über das Schweigen der AfD bezüglich Trump und Co. in den Epstein-Files …

… und verlinkte einen Artikel der „FAZ“, der den Fokus auf genau jene legt.

Oder dieser Tweet von einem Account, der bekannt ist für seine Anti-AfD-Posts:

Darin beschuldigt man die AfD – weil sie in den Akten genannt wird, als Steve Bannon und Epstein das politische Geschehen in Deutschland kommentierten – absurderweise, ein Werkzeug des Epstein-Netzwerkes zu sein, ungeachtet der Tatsache, welche Akteure viel mehr involviert sind.

Mein persönlicher Lieblingsmensch in der CDU, Ruprecht Polenz, retweetet derweil Posts wie diese hier:

https://twitter.com/DrHOSP1/status/2018402992777474065?s=20

Darin wird gezeigt, das Russland gezielt Trump über Epstein erpressbar gemacht hat. Dass eben viel mehr politische Gegner Trumps in den Akten vorkommen – darüber wird geschwiegen.

Nun will ich Trump nicht verteidigen, der Mann ist alles andere als ein Heiliger, und dass er irgendwie mit Epstein verbandelt war, war vielen Rechten bewusst. Aber: Dass sich Linke nun vornehmlich auf sein Erscheinen in den Epstein-Akten stürzen, nachdem sie ihre politischen Gegner jahrelang als Spinner dargestellt haben, wenn diese die besagten Akten auch nur erwähnten, und gleichzeitig die dortige, weitaus größere Präsenz ihrer politischen Verbündeten von Clinton bis Gates ignorieren, sagt vieles über die moralische Verkommenheit dieser Leute aus – nicht großartig minder moralisch verkommen als die politischen Eliten der herrschenden Ordnung.

2 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Angesichts der bekannten Vorfälle im grünen wie roten Umfeld kann man das Handeln von Notz, Keulpaka und Ko nur wie folgt zusammenfassen, es ist das altbekannte Ablenkmanöver: „HALTET DEN DIEB! HALTET DEN DIEB!“

    Bezeichnend der inhaltsleere Vorwurf des „dröhnenden Schweigens“, denn andernfalls hätte es genauso gehießen „übliche populistische Instrumentalisierung“. Wie man es macht – die anderen machen es falsch. Absolut, unbedingt, alternativlos, anders kann es gar nicht sein, weil es nicht anders sein darf.

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