Reden wir über Kapitalismus – Einen Trabi für die Menschmaschine

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Die Arbeitsteilung, also die Zerlegung eines Produktionsprozesses in einzelne Schritte, wirkt sich fördernd auf die Produktivität aus. Der Arbeiter konzentriert sich auf wenige Handgriffe, und gerade diese Spezialisierung führt dazu, dass seine Geschwindigkeit und Präzision zunehmen. Je feingliedriger die Arbeitsteilung, desto einfacher sind die Handgriffe, die Rohstoffe in Halberzeugnisse und Halberzeugnisse in fertige Produkte verwandeln. Auch das ist keine Erkenntnis der Neuzeit – Adam Smith beschrieb lediglich, was er sah, was also schon existierte –, sondern jeder komplexere Produktionsprozess gliedert sich förmlich von selbst in einzelne Arbeitsschritte.

Der Logik der Arbeitsteilung unterwerfen sich natürlich auch planwirtschaftlich organisierte Wirtschaftssysteme, und vielleicht ist hier der Hang zur Rationalisierung, der in einen Kult ausarten kann, noch wesentlich ausgeprägter. In Systemen, deren ethische Maxime in der Gleichheit und beliebigen Formbarkeit der Menschen liegt, ist das Fließband etwas Zwangsläufiges. Diese Erkenntnis rückt den Fließband-Kult des Fordismus in ein interessantes Licht: Ein Wirtschaftsdirigent vom Schlage eines Henry Ford war nur in einem kapitalistischen und individualistisch geprägten System denkbar. Seine Arbeiter hingegen, diese Menschmaschinen, deren gesamte Existenz sich scheinbar aus dem einen Handgriff, der einen Vierteldrehung der immer gleichen Schraube schöpfte, diese Arbeiter, die nur als Masse vorstellbar waren und wahrgenommen wurden, diese Cyborgs arbeiteten in amerikanischen wie auch sowjetischen Fabriken. Und genau das machte den Sowjet-Sozialismus für den Westen so gefährlich: Wenn die Bolschewisten von „den Arbeitern“ sprachen, dann fühlten sich alle Arbeiter davon angesprochen.

Doch es hat einen Grund, weshalb der große Systemkampf des 20. Jahrhunderts in wirtschaftlicher Hinsicht vom Westen, und nicht vom Osten, entschieden wurde. Hier wie dort wuselten Millionen von Arbeitern in Fabriken herum, hier wie dort herrschte eine scheinbar unersättliche Nachfrage nach Kühlschränken, Autos und all den anderen Dingen, die das Leben schön und angenehm machen. In den Planwirtschaften des Ostens wurde dieses Potenzial allerdings nicht genutzt. Dort gab es den einen Staat, vertreten durch die eine Partei. Dort maßte sich die politische Führung an, zu wissen, was „ihre Bürger“ brauchten. Ihre kreative Impotenz zeigte sich überall dort, wo sozialistische Konsumkultur den westlichen Lebensstandard nachzuäffen versuchte. Mit allen anderen in einer Schlange stehen zu müssen, kann das Gefühl von Solidarität wecken. Nach jahrelangem Warten aber schließlich den Schlüssel für eine als Auto deklarierte Schrottmühle überreicht zu bekommen, während ein paar Hundert Kilometer weiter westlich die Mercedessterne funkelten, war Erniedrigung in ihrer reinsten Form.

Anders im Westen: Hier wurde der Arbeiter immer auch als Konsument begriffen, und dieser scheinbar perfekte Kreislauf ermöglichte die wirtschaftlichen Aufschwünge nach dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg. Gerade der zweite Aufschwung, der seinerseits nicht mehr im Schatten eines erneuten Weltkrieges stand, hallt bis heute nach. Hier war es die dezentrale Nachfrage der Konsumenten, und eben nicht die zentrale Vorgabe des Staates, die der Industrie den Impuls zur Produktion gab. Und eben weil in kapitalistischen Systemen die Produzenten untereinander konkurrieren, hatte der Arbeiter der Nachkriegszeit stets die Wahl zwischen mehreren Autos, mehreren Fernsehgeräten und so weiter.

Adam Smith, der seinerzeit noch nicht ahnen konnte, welcher Massenwohlstand durch die Arbeitsteilung einmal möglich werden würde, machte sich über die Nachteile kleinteiliger und monotoner Arbeitsschritte viele weitsichtige Gedanken. Da im Zuge der Industrie 3.0 allerdings die klassischen Arbeiterarmeen aus den Fabriken verschwunden sind, die Menschmaschine also mehr und mehr durch die Maschine selbst ersetzt wurde, wollen wir uns der Kritik am Wohlstand selbst zuwenden. Denn in der Tat: Man kann den Massenwohlstand für vieles von dem verantwortlich machen, an dem der Westen heute krankt. Dummer Konsumismus, kulturelle Oberflächlichkeit, Zersetzung traditioneller Werte.

Diese Kritik am materiellen Wohlstand, an der leichten Erreichbarkeit, an der Werbung und so weiter zieht sich wie ein roter Faden durch das 20. Jahrhundert. Mal ist die Kritik affektiert oder anmaßend, wie etwa bei Adorno oder Enzensberger – verlogen dazu, wenn ausgerechnet die Anwälte des Kommunismus unter dem Deckmantel der Kulturkritik dem Kapitalismus den Spiegel vorhalten wollen. In einer ernst zu nehmenden Fassung findet sich die Kritik an den Früchten der Arbeitsteilung hingegen bei Wilhelm Röpke, der 1956 schrieb:

„Der Weltkampf gegen den Kommunismus kann nicht länger mit Radiotruhen, Kühlschränken und Breitwandfilmen gewonnen werden. Dieser Weltkampf ist eben kein Turnier um die bessere Güterversorgung, so günstig das für die freie Welt wäre, da sie auf diesem Gebiet gewiß nicht zu schlagen sein wird. Es ist der alles bis in die letzten Tiefen aufrührende Konflikt zweier ethischer Systeme im allerweitesten Sinne dieses Wortes, ein Ringen, in dem es um die geistig-moralischen Möglichkeiten menschlicher Existenzen schlechthin geht und die freie Welt keinen Augenblick in der Überzeugung wankend werden darf, daß die Gefahr des Kommunismus – schrecklicher als die Wasserstoffbombe – in der drohenden Zerstörung dieser Möglichkeiten auf der Erde liegt.“  

(Wilhelm Röpke: Jenseits von Angebot und Nachfrage. Die Marktwirtschaft ist nicht alles (1956), in: Wilhelm Röpke: Marktwirtschaft ist nicht genug. Gesammelte Aufsätze, Leipzig 2009, S. 303-314, hier S. 305.)

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