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Werteunion – Eine weitere Partei für den gerontokratischen Komplex

23. Februar 2024

Was soll die Sache mit der Werteunion eigentlich? Handelt es sich bei ihr um ein weiteres an und für sich gut gemeintes Parteiprojekt einiger Liberalkonservativer, das – wie all die anderen liberalkonservativen Parteigründungen – an den Realitäten der späten Bundesrepublik scheitert? Oder muss man die Werteunion im Kontext der Potsdam-Kampagne und der Wagenknecht-Partei sehen? Das hieße, dass die Parteineugründung Teil einer konzertierten Aktion mit dem Ziel der Umfassung und Zertrümmerung der AfD wäre. Abwegig ist der Gedanke nicht: Während Wagenknecht der Alternative jene Wählerschichten abjagen soll, die eher sozialistisch („solidarpatriotisch“) und russlandfreundlich gesinnt sind, bietet Maaßen all jenen Rechten eine goldene Brücke, die im altbundesrepublikanischen Sinne konservativ sind. Zwei geöffnete Türen für Wähler und Sympathisanten der AfD also, während die orchestrierten Regierungsaufmärsche den Druck auf die Oppositionspartei und ihr Umfeld erhöhen sollen. Zugegeben, das ist nur eine Theorie, und ich werde genau diese Überlegung im Folgenden ausklammern.

Grundlage meiner Kritik an der Werteunion ist die Prämisse, dass Maaßen und seine Anhänger nach bestem Wissen und Gewissen handeln, und genau das ist schon Problem genug: Um ein knappes, aber präzises Bild der Situation zu zeichnen, in der sich unser Land befindet, brauche ich nicht weit ausholen. Keine Zahlen über illegale Grenzübertritte, keine Statistiken über den wirtschaftlichen Niedergang und das bildungspolitische Desaster. Es reicht allein eine Episode aus der letzten Woche, die ganz sinnbildlich das zusammenfasst, was gerade „Phase“ ist:

Solche Tatkomplexe waren in der alten Bundesrepublik unvorstellbar. Es gab sie schlicht und ergreifend nicht. Der Gedanke, dass ein illegaler Eindringling am hellichten Tage eine Schaffnerin krankenhausreif prügelt, anpisst, anschließend ein Auto klaut und dann eine Spur der Verwüstung hinter sich herzieht, war selbst für eine Gesellschaft, die zum nicht unbeträchtlichen Teil aus ehemaligen Kriegsteilnehmern bestand, unvor-FUCKING-stellbar. Dass das alles passiert, während in zahlreichen deutschen Städten die Regierung und ihre Medien zu Protesten „gegen rechts“ – und damit für noch mehr solcher Gewaltexzesse – aufrufen, hätte ein Homo bundesrepuclicanensis selbst noch in den 1990ern geistig überhaupt nicht umreißen können. Selbst im Jahrzehnt nach der Wiedervereinigung, in dem sich der gesellschaftliche Verfall schon offen abzeichnete, wäre ein solcher Tatkomplex mit allem Drumherum nicht denkbar gewesen.

Jetzt gründet sich also die Werteunion als liberalkonservatives Korrektiv zur CDU – zu einer Partei also, die sich – genau wie ihre „Konkurrentin“ SPD – bei Wahlen nur noch Geltung verschaffen kann, weil Rentner und Pensionäre – also die Boomer – ihr im überbordenden Maße ihr Vertrauen schenken.

Screenshot: Tagesschau.

Dieser zombiehafte Ungeist hält die Bundesrepublik fest in seinen welken Händen, und auch die Werteunion ist ganz und gar von ihm durchdrungen. Vom Namen über das Parteilogo bis hin zum selbstherrlichen Auftritt – man findet in Maaßens Partei, der sich nach seinen Angaben zufolge bereits 6.000 Mitglieder angeschlossen haben sollen, nicht den Hauch von Demut, nicht den Funken einer Entschuldigung für die Tatsache, dass man selbst das System Altpartei, das System CDU, das „System Merkel“ mitgetragen hat und mit seiner seichten, bräsigen Kritik nicht an Grundsätzlichem rüttelt, sondern lediglich Meinungspluralität simuliert.

Wir haben in unserem letzten Podcast bereits gefragt, wie es sein kann, dass sich ausgerechnet jene Generation so treudoof gibt, die in ihrer Kindheit und Jugend noch das Glück hatte, ein echtes, homogenes, sauberes, sicheres und prosperierendes Deutschland zu erleben. Wie kann es sein, dass „Bild“-Schlagzeilen wie die oben abgebildete nicht Bernd und Brigitte Boomer radikalisieren, sondern lediglich deren marginalisierte Kinder und Enkel, die schon inmitten der Ruinen groß geworden sind? Wie kann jemand wie Maaßen glauben, mit solchen Späßen wie doppelten Parteimitgliedschaften, Anbiederungen an den „Premiumpartner CDU“ und der Installierung abgehalfterter CDU-Eliten eine wirkliche Wende vollziehen zu können? Aber wahrscheinlich ist die Frage schon falsch gestellt, denn jemand wie Maaßen ist selbst Teil des gerontokratischen Komplexes – eines Systems also, das von Alten für Alte am Leben gehalten wird.

Es ist abschreckend und faszinierend zugleich, denn man muss sich wirklich klarmachen, dass ein nicht unerheblicher Teil der 22 Millionen Deutschen, die heute 60 Jahre oder älter sind, sich von Loreley-Panoramen…

… peinlichen Klarstellungen irgendwelcher „Klare Kante“-Typen,…

https://twitter.com/MichaelKuhr/status/1759908926043078893

… politischen Aschermittwochssitzungen mit „Dr. Hans-Georg Maaßen“…

… und den obligatorischen Lagevorträgen irgendwelcher ehemaligen Uniformträger einlullen lässt.

Das alles passiert zwischen den „Tagesthemen“, dem „Traumschiff“ und dem Studium der Angebote von Aldi. Was in der Gleichung fehlt, das sind die jungen Deutschen, die Zukunft unseres Landes. Die Verlorenen und Verdammten also, deren Lebensrealität sich zwischen multikulturalisierten Schulklassen, dem wirtschaftlichen Niedergang und den unendlichen Weiten des Internets aufspannt. Alte und junge Deutsche – zwei Pole, die überhaupt nicht mehr miteinander korrespondieren, die aneinander vorbeileben, die sich – von Vorwürfen abgesehen – nichts mehr zu sagen haben.

Der Werteunion ist keine glorreiche Zukunft beschieden, auch wenn Maaßen und seine Getreuen das im Moment noch nicht wahrhaben wollen. Mit dem Abgang von Krall und Otte verliert die Bonsai-CDU ihre beiden mobilisierungsstärksten Mitglieder, und sie wird sich in den folgenden Monaten und Jahren genauso dahinschleppen wie all die anderen liberalkonservativen Kleinstparteien, deren Namen mir auf Anhieb nicht einfallen. An und für sich wäre das kein Problem, es wäre nicht der Rede wert, müsste man als junger Deutscher nicht dieser dekadenten Verschwendung von Ressourcen und Personal beiwohnen, die woanders so dringend benötigt werden. Im Kleinen zeigt sich das Große. Aber sei es drum: Wenn sich der demographische Missstand erstmal abgewickelt hat, dann sind auch wieder die Karten neu gemischt.

Friedrich Fechter

Fechter studiert im Herzen Deutschlands und muss sich an seiner linksversifften Universität den typischen Gängelungen aussetzen. Er interessiert sich für Kunst, Geschichte und ist Meister der Halbsätze. Als Fechter das erste Mal ein Cover der Krautzone sah, hielt er das pixelige Layout für eine durchtriebene Werbestrategie. "Bestimmt", dachte er sich beim Durchblättern, "hier sind verschlagene Profis am Werk."


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