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Fundamente der späten Bundesrepublik

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Als vor zwei Wochen zum Generalstreik aufgerufen wurde, als neben Landwirten auch Spediteure, Handwerker und überhaupt Selbstständige unter dem Applaus ihrer Mitbürger durch die Straßen zogen, da erzitterte das politmediale System nicht nur unter dem Eindruck der Traktorkolonnen. Es erzitterte, weil Michel in seiner Rolle als ausgebeutete Steuerzahlerdrohne sich endlich Luft machte und signalisierte, dass es jetzt reicht. Unter dem Applaus der überwältigenden Mehrheit seiner Mitbürger setzte Michel den Meißel an ein Fundament und holte mit dem Hammer aus.

Was genau ist dieses Fundament, an dem sich Michel zu schaffen machte? Die Erbauer des Fundaments würden es „soziale Gerechtigkeit“ nennen, tatsächlich ist es eine über Jahrzehnte metastasierende Umverteilungsindustrie, die einer dahinschrumpfenden Schicht von Produktiven immer höhere Steuer- und Abgabenlasten aufzwingt, um einer stetig wachsenden Schicht von Unproduktiven – wozu die Implementierer selbst zählen – die Existenz zu finanzieren. Das „Bürgergeld“ ist eigentlich nur die Zuspitzung eines völlig perversen Systems, das von den Deutschen über all die Jahre hingenommen wurde, weil der Deutsche nun mal geteiltes Leid für halbes Leid hält.

Jetzt plötzlich fällt Michel auf, dass eine Staatsquote von annähernd 50 Prozent (50 Cent eines jeden erwirtschafteten Euros fließen durch staatliche Hände) eben auch bedeuten kann, dass wir Fahrradwege in Peru finanzieren, während unsere Straßen verfallen. Für die Sozialindustrie ist das kein Widerspruch und schon gar keine Ungerechtigkeit, denn am Bau peruanischer Fahrradwege hängen deutsche Arbeitsplätze. Nicht unbedingt im deutschen Baugewerbe, aber dafür in linken Regierungsorganisationen, in Parteien, der Verwaltung und so weiter. All diese Posten haben eines gemeinsam: Sie sind im volkswirtschaftlichen Sinne völlig unproduktiv, ja geradezu schädlich, wenn sie das in Deutschland erwirtschaftete Geld in nicht unbeträchlichem Ausmaß ins Ausland verschieben – oder im Inland zur Vergrößerung ihres Ressorts aufwenden.

Diese giftige, rücksichtslos vereinnahmende Ideologie wurde in der Bundesrepublik nicht allein von der großen Partei der Sozialindustrie, der SPD, vorangetrieben. Nein, wo immer es ihr passte, legte die CDU ebenfalls Hand an das Umverteilungssystem. Bestes Beispiel hierfür ist die unter Adenauer verabschiedete Umstellung der Rente auf’s Umlageverfahren. Die vehemente Kritik liberaler Wirtschaftsexperten wurde beiseite gewischt, immerhin galt es genug Stimmen für die nächste Bundestagswahl zu kaufen.

Aus dem „Generationenvertrag“ ist in der Zwischenzeit längst der „Gesellschaftsvertrag“ geworden. Eine Transformation, die sich zwar mehr offen als schleichend vollzogen hat, die Michel aber so lange nicht gejuckt hat, wie er ungestört Billigkonsum verstoffwechseln konnte. So viel Selbstkritik muss sein.

Die eine große Gewissheit der späten Bundesrepublik wankte jetzt also plötzlich, und selbst das effeminierte Zeigefingergewedle der Regierung wies Michel nicht in seine Schranken. Da musste also etwas Größeres aus dem Hut gezaubert werden – ein wochenlang vorbereitetes Theaterstück, inszeniert von der staatlich finanzierten Propaganda-Agentur „Correctiv“ und sekundiert vom Verfassungsschutz.

Hier ist es also, das zweite Fundament der späten Bundesrepublik: der Antifaschismus – die Überzeugung also, dass sich das gesamte historische und kulturelle Selbstverständnis Deutschlands aus zwölf Jahren NS-Diktatur schöpfen lasse. Die repetitive Überwindung des ewigen Nazis, der in jeden Systemkritiker hineininterpretiert wird, hat in der letzten Woche Hunderttausende Menschen auf die Straße getrieben. Da standen sie dann, dieselben Gestalten, die sich schon während Corona in die ihnen angebotenen Theaterrollen eingefügt haben. Sie schwenkten nun, statt der Impfpässe, leuchtende Smartphone-Bildschirme oder Transparente mit Pipikaka-Parolen – weil das alles ist, was „Antifaschismus“ in einer sozialdemokratisierten Gesellschaft noch sein kann: eine Zivilreligion, die frappierend an den Teil des Protestantismus erinnert, der ebenfalls keinen Wert auf Bilder und Gestalten legt, den Mythos negiert und stets die Nähe zur weltlichen Macht sucht, weil ihm das Metaphysische ja doch verschlossen bleibt. Klatschte am Straßenrand jemand für die Demonstranten? Wurden die Daumen hochgereckt? Ist das nicht überhaupt der entscheidende Unterschied zwischen echten Demonstrationen und orchestrierten Aufmärschen?

„Soziale Gerechtigkeit“ und „Antifaschismus“ – beides ist Rabulistik, beides ist Ausbeutung: Das eine beraubt die Deutschen ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit, das andere eines positiven Bezugs zu ihrer Kultur und Geschichte. Weder das eine noch das andere setzt auf die Zukunft, ganz im Gegenteil: Was da ist an wirtschaftlicher Substanz oder historischem Bewusstsein, wird rücksichtslos vernutzt. Wen wundert es da, dass diese beiden Fundamente zu wanken beginnen – und mit ihnen das Selbstverständnis der späten Bundesrepublik.